Liebe Genossinnen und Genossen, welch grosse Freude, heute hier mit euch auf diesem geschichtsträchtigen Bundesplatz zu stehen!
Von Herzen möchte ich euch dafür danken, dass ihr heute so zahlreich gekommen seid.
Eure Anwesenheit sendet eine starke Botschaft: In diesem Land gibt es noch Frauen und Männer, die für die Achtung der Menschenrechte und für die Würde jedes einzelnen Menschen einstehen – unabhängig von Herkunft, Religion, sozialer Stellung oder Aufenthaltsstatus.
Und genau deshalb sind wir heute hier.
Weil wir uns weigern, Mauern zwischen Menschen zu errichten.
Weil wir uns weigern, Migration zum Sündenbock für alle Probleme unserer Gesellschaft zu machen.
Weil wir uns weigern, Solidarität durch Angst zu ersetzen.
Die sogenannte «10-Millionen-Initiative» wurde abgelehnt. Das ist eine gute Nachricht. Aber es ist kein Grund, jetzt nachzulassen.
Denn unabhängig vom Resultat an der Urne haben wir erlebt, wie sich Diskurse normalisiert haben, die migrantische Menschen als Bedrohung darstellen. Wir haben erlebt, wie Spaltung und rassistische Äusserungen immer selbstverständlicher werden – Äusserungen, die man sich vor einigen Jahren öffentlich kaum noch zu sagen getraut hätte.
Unsere rassifizierten Freund:innen bekommen das als Erste zu spüren.
Für sie ist Rassismus keine theoretische Debatte. Er ist gelebte Realität: auf der Strasse, in der Schule, am Arbeitsplatz, bei der Wohnungs- oder Stellensuche.
Als Arbeiter:innen und als Gewerkschafter:innen können wir dazu nicht schweigen.
Denn wir wissen eines ganz genau: Ein Angriff auf migrantische Menschen ist ein Angriff auf alle Arbeiterinnen und Arbeiter.
Wenn einem Teil der Bevölkerung Rechte vorenthalten werden oder Menschen gezielt in die Prekarität gedrängt werden, geraten die Rechte aller unter Druck.
Wenn Arbeitnehmer:innen aus Angst um ihre Aufenthaltsbewilligung Ungerechtigkeit nicht anzuprangern wagen, schwächt das die soziale und gewerkschaftliche Macht insgesamt.
Wenn die Arbeiter:innen und Arbeitnehmer:innen nach Herkunft, Hautfarbe oder Nationalität gegeneinander ausgespielt werden, profitieren davon skrupellose Arbeitgeber:innen und politische Kräfte, die von der Spaltung leben.
Die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung lehrt uns genau das Gegenteil.
Soziale Fortschritte wurden nie erreicht, indem Arbeiter:innen und Arbeitnehmer:innen gegeneinander ausgespielt wurden.
Sie wurden erreicht durch Einheit, durch kollektive Organisierung und durch Solidarität.
Deshalb weigern wir uns, schweizerische und ausländische Arbeiter:innen und Arbeitnehmer:innen gegeneinander auszuspielen.
Wir lehnen eine Logik des nationalen Vorrangs ab, wenn sie dazu dient, soziale Rechte zu schwächen.
Wir lehnen identitätspolitische Diskurse ab, die von den tatsächlichen wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten ablenken sollen.
Auf Spaltung antworten wir mit Solidarität.
Auf Hass antworten wir mit Würde, mit Menschlichkeit, mit Schwesterlichkeit und Brüderlichkeit.
Auf Rassismus antworten wir mit Gleichheit.
Und diese Solidarität muss Grenzen überschreiten.
Überall in Europa und weltweit sehen wir Bewegungen erstarken, die gleichzeitig die Rechte von Migrant:innen und von Minderheiten, die gewerkschaftlichen Rechte und die Demokratie selbst angreifen.
Unsere Antwort darauf muss entsprechend stark sein: eine kraftvolle internationale Solidarität unter Arbeiter:innen und Arbeitnehmer:innen.
Denn unsere Gegner organisieren sich über Grenzen hinweg. Unsere Solidarität muss das ebenfalls tun.
Genossinnen und Genossen, bewahrt eure kritische Haltung gegenüber all jenen Diskursen, die uns spalten wollen, indem sie Migration zur Ursache aller gesellschaftlichen Probleme erklären.
Wehren wir uns gemeinsam gegen jene, die menschliche Not und menschliches Elend ausnutzen, um Angst und Spaltung zu säen.
Lassen wir die Werte weiterleben, die uns verbinden: Solidarität, Gerechtigkeit und Respekt.
Bauen wir Brücken, keine Mauern.
Verteidigen wir die Rechte aller.
Und sagen wir es heute hier auf dem Bundesplatz laut und deutlich:
«Zwischen uns keine Grenzen!»
Vielen Dank.