Unter dem Motto «Zwischen uns keine Grenzen» machen wir heute auf Grenzen aufmerksam, die wir als geflüchtete Frauen erleben. Grenzen, die patriarchale und diskriminierende Systeme schaffen. Wir sind Frauen und wir sind geflüchtet. Diese Erfahrungen lassen sich nicht voneinander trennen.
Grenzen sind nicht nur Linien zwischen Ländern. Wir begegnen ihnen bei Bewerbungen, bei der Anerkennung unserer Diplome und beim Zugang zu Bildung. Unser Aufenthaltsstatus, Name, unsere Hautfarbe, Religion oder unser Akzent werden zum Anlass, uns auszugrenzen. Diese Grenzen sind oft unsichtbar – und verhindern, dass wir in der Gesellschaft sichtbar werden.
Wir haben Grenzen überwunden und unser Land zurückgelassen – unsere Geschichte, unsere Ausbildung und unsere Erfahrungen nicht. Wir bringen Wissen, Mehrsprachigkeit, Fähigkeiten und Träume mit.
Doch viele beginnen hier nicht einmal bei null, sondern im Minus: mit jahrelanger Unsicherheit im Asylverfahren oder nach einer Ablehnung in Rückkehrzentren, weil eine Rückkehr für sie gefährlich wäre. Mit prekären Wohnverhältnissen, ohne tragfähiges Netzwerk und mit versperrten Wegen zu Arbeit und Sprachkursen.
Diese erzwungene Wartezeit hinterlässt Spuren. Wenn wir unsere Fähigkeiten jahrelang nicht einsetzen können, verlieren wir berufliche Anschlussmöglichkeiten und oft Vertrauen in uns selbst. Dazu kommen für viele die Folgen von Flucht und Gewalt. Häufig fehlt die Unterstützung, um traumatische Erfahrungen zu verarbeiten.
Trotzdem kämpfen wir für eine Zukunft hier: Wir arbeiten unbezahlt, studieren, lernen selbstständig die Sprache und bauen uns ein Leben auf. Wir wollen teilhaben, unser Wissen einsetzen und etwas beitragen.
Doch von uns wird immer mehr erwartet. Damit unsere Bemühungen eine Perspektive haben, brauchen wir entsprechende Bedingungen:
Sprachkurse mindestens bis B1 unabhängig vom Aufenthaltsstatus, sichere Wohnverhältnisse mit Platz zum Leben und Lernen und Zukunftschancen für unsere Kinder. Wir brauchen psychosoziale Unterstützung und Fachpersonen, die unsere Rechte und Belastungen ernst nehmen.
Für unseren beruflichen Weg fordern wir Zugang zu Aus- und Weiterbildung, finanzierte Kinderbetreuung und individuelle Unterstützung bei der Arbeitssuche. Unsere Diplome und Berufserfahrungen müssen anerkannt werden. Wo etwas fehlt, brauchen wir passende Ergänzungen, statt ganze Ausbildungen zu wiederholen.
Wir fordern das Recht auf Arbeit – unabhängig vom Aufenthaltsstatus. Schluss mit Arbeitsverboten und ausbeuterischen Praktiken im Asylsystem!
Unsere Arbeit verdient einen fairen Lohn, auch im Praktikum. Freiwilligenarbeit muss freiwillig bleiben und darf bezahlte Stellen nicht ersetzen. Unsere unsichere Situation darf nicht ausgenutzt werden.
Wir brauchen Schutz vor Diskriminierung und verbindliche Regeln, damit unsere Chancen nicht vom Ermessen einzelner Stellen abhängen.
Diese Forderungen haben wir gemeinsam mit einer Gruppe geflüchteter Frauen im Brava-Projekt «Stimmen geflüchteter Frauen» erarbeitet. Mehr findet ihr auf den Flugblättern, die wir heute verteilen, und auf der Webseite von Brava.
Mit diesen Forderungen sagen wir klar: Wer Teilhabe erwartet, muss Türen öffnen. Zwischen uns sollen keine Grenzen sein, sondern Brücken!