«Russische Deserteure: Die Falle der Grenzen»

Artikel
Wasserfarbe: schwarze und pinke Flecken

Anlässlich der Konferenz und der Antikriegsdemonstration am 19. und 20. Juni in London wurde eine Kampagne zur Unterstützung russischer und ukrainischer Deserteure ins Leben gerufen. Das Schweizer Netzwerk gegen den Krieg beteiligt sich an dieser Kampagne und ruft alle Organisationen und Personen dazu auf, sich gemeinsam mit uns dafür einzusetzen, dass Kriegsflüchtlinge aufgenommen werden können.


Hier der Erfahrungsbericht einer russischen Genossin:

«Russische Deserteure: Die Falle der Grenzen»


Im fünften Kriegsjahr hat die Desertion in der russischen Armee massive Ausmasse angenommen: Mehr als 120'000 Soldaten sollen bereits aus den Reihen der Armee geflohen sein. Angesichts kolossaler Verluste und eines Mangels an Freiwilligen verschärft die Regierung den Zwang. Menschenjagd auf der Strasse, Erpressung durch Banken, Drohungen gegen Familien: Der Druck, Männer an die Front zu schicken, ist ununterbrochen.


Für diese Soldaten ist ein legaler Austritt aus der Armee unmöglich. Der einzige Ausweg ist die Flucht. Doch die Militärpolizei spürt die Deserteure auf, um sie – oft nach Aufenthalten in Disziplinarlagern – an die Front in Kampfeinheiten zurückzuschicken. Angesichts dieser Abwärtsspirale wird das Gefängnis paradoxerweise zum letzten Schutzwall, um nicht zu sterben. Manche verlangen, vor Gericht gestellt zu werden, um jegliche Verbindung zu ihrer Einheit abzubrechen, doch die Militärpolizei geht so weit, sie aus ihrer Untersuchungshaftzelle zu holen.


Für diejenigen, denen es gelingt, Russland zu verlassen, ist der Weg zum Asyl ein Hindernislauf. Nur wenige Länder wie Armenien sind noch zugänglich, doch deren Aufnahmekapazitäten sind ausgeschöpft. Was Europa betrifft, so verschliesst es seine Türen. Das 21. Sanktionspaket der EU schränkt die Visa für ehemalige Soldaten drastisch ein.


Um ein Visum oder Schutz zu erhalten, müssen Deserteure nicht nur ihre Flucht nachweisen, sondern auch ein untadeliges politisches Engagement gegen den Krieg an den Tag legen. Die meisten dieser Soldaten aus bescheidenen Verhältnissen sind jedoch unpolitisch. Von ihnen eine strenge ideologische Haltung zu verlangen, grenzt sie erneut aus.


Während des Vietnamkriegs beruhte die Solidarität mit amerikanischen Deserteuren nicht auf einem politischen Filter: Die blosse Weigerung zu töten oder zu sterben reichte aus. Heute sollte die Grundlage der Unterstützung dieselbe sein: das grundlegende Menschenrecht, nicht am Krieg teilzunehmen.


Macht mit und lasst uns hier gemeinsam die Kampagne gegen die Schweizer Regierung für eine andere Politik führen.

Labels