Der Sommer von Ceuta

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Der Sommer von Ceuta

Innerhalb weniger Tage überquerten Ende Juli fast 60 000 Menschen die Grenze zwischen Marokko und der spanischen Exklave Ceuta. Die Zahl ist beeindruckend. Die Bilder sind es ebenfalls. Und es brauchte nicht viel mehr, damit sofort Forderungen nach noch mehr Abschottung laut wurden. Das ist ein Fehler.


Dabei muss man verstehen, dass das Ereignis von Ceuta durch das europäische Migrationsregime hervorgebracht wurde. Es ist eine Folge der Grenzen – und nicht das, wovor diese Grenzen uns angeblich schützen sollen.


Warum so viele in so kurzer Zeit?
Laut Mehdi Alioua, Soziologe an der Sciences Po in Rabat, wollten nicht alle der 60 000 Personen nach Europa migrieren. Ende Juli beginnen in Marokko die Sommerferien; zugleich wird das Thronfest, der Nationalfeiertag, begangen. Diese beiden Faktoren führten dazu, dass sich zu diesem Zeitpunkt Millionen Menschen im Norden des Landes aufhielten. 


Beim massenhaften Grenzübertritt habe es zwei unterschiedliche Momente gegeben. Eine erste Gruppe bestand aus Personen, die bereits versucht hatten oder jedenfalls bereits entschieden waren, nach Europa zu gelangen. Dabei soll es sich vor allem um junge arbeitslose Hochschulabsolvent:innen gehandelt haben, die ein Land ohne Perspektiven verlassen wollten. Diese Personen seien aufgrund falscher, möglicherweise manipulierter Informationen aufgebrochen.


Der zweite Moment sei Alioua zufolge eine Menschenmenge in Bewegung gewesen. «Die Sommergäste und die Bewohner der Umgebung, zu denen Menschen stiessen, die gehört hatten, dass ‹man durchkommt›, überquerten die Grenze zu Fuss, sobald sie geöffnet wurde, als würde man ein Fussballfeld stürmen. (…) Es handelte sich eher um eine Challenge als um ein Migrationsprojekt: um die Herausforderung einer Jugend, die ihre Verzweiflung ausdrückt, wie bei einer spontanen Demonstration, und um eine Herausforderung an eine koloniale Grenze, die die Kontinuität der Küste verzerrt und Marokkaner:innen daran hindert, sich frei zu bewegen.» Als Beleg verweist er darauf, dass 48 000 der 60 000 Personen unmittelbar danach wieder zurückgekehrt seien.


Andere Erklärungen gehen davon aus, dass die Migrationsbewegung von der marokkanischen Regierung orchestriert worden sei – als Reaktion auf die Annäherung zwischen Spanien und Algerien. Ebenfalls wurde behauptet, die Regierungen Trump und/oder Netanjahu seien für eine Inszenierung dieser Aufbrüche verantwortlich gewesen, um die Unterstützung der Palästinenser:innen durch die Regierung Sánchez zu sanktionieren.


Es gibt sicher nicht die eine Erklärung dafür, was sich in diesem Sommer in Ceuta abgespielt hat. Klar ist jedoch, dass dieses Ereignis mehr über die Grenzen aussagt als über die Menschen, die sie überquert haben.


Es ist plausibel, dass die Situation instrumentalisiert wurde. Denn die Externalisierung der EU-Grenzen in ärmere Länder – gegen Geld und gegen eine wachsende Toleranz gegenüber demokratischen Defiziten – setzt europäische Staaten einem hohen Risiko politischer Erpressung aus. Man denke etwa an die Krise an der Grenze zwischen Belarus und Polen im Jahr 2021. Oder an die Deals mit Libyen und der Türkei, die ständig auf Kosten der Menschenrechte neu verhandelt werden. Je verbissener die Europäische Union versucht, eine Festung abzudichten, die – im wörtlichen Sinn – undicht ist, desto mehr Gewalt und desto mehr aufeinanderfolgende Krisen wird sie hervorbringen.


Grenzen schützen Ungleichheit
Das Beispiel Ceuta ist gerade deshalb besonders aufschlussreich. Die wirtschaftliche Lage Marokkos ist ambivalent: Das Land verzeichnet Wachstum, von dem vor allem eine Minderheit profitiert, während junge Menschen – auch junge Menschen mit Hochschulabschluss – unter Arbeitslosigkeit, fehlenden Perspektiven und ungleicher Verteilung des Reichtums leiden. Diese Ungleichheit wird durch das Migrationsregime noch verschärft. Die Stadt Fnideq, die direkt an Ceuta grenzt, lebte lange von den Grenzübertritten zwischen Marokko und der spanisch besetzten Stadt. 2021 wurden die Bedingungen für den Grenzübertritt verschärft, wodurch viele Menschen und Unternehmen ihre Einkommensquelle verloren.


Was Europas Grenzen verhindern, ist nicht Illegalität. Die Illegalität wird durch die Grenzen erst geschaffen. Die Grenzen verhindern eine gerechte Verteilung des Reichtums. Der gängige Diskurs über Süd-Nord-Migration legt immer nahe, Menschen aus dem globalen Süden träumten nur davon, ihr Land zu verlassen, sich in Europa niederzulassen und reich zu werden. Die Migrationsforschung zeigt jedoch komplexere Dynamiken. Sogenannte wirtschaftliche Migrationsprojekte sind zum Beispiel häufig zirkulär: Man geht, um zurückzukehren. Der Forscher François Gemenne zeigt, dass die Einführung des Visaregimes in den 1990er-Jahren vor allem dazu führte, dass sich mehr eingewanderte Menschen dauerhaft in Europa niederliessen – aus Angst, nach einer Ausreise nicht zurückkehren zu können.


Ebenso ist es das Migrationsregime selbst, das Menschen, die in Europa angekommen sind und nicht arbeiten dürfen, festsetzt. Sie können nicht zurück, solange sie das Ziel ihres Migrationsprojekts nicht erreicht haben: genug Geld zu verdienen und/oder sich auszubilden, um an ihren Ausgangspunkt zurückzukehren und sich dort ein Leben in Würde aufzubauen. Manchmal müssen zudem Schulden bei Schleusern beglichen werden – Schleuser, deren Geschäftsmodell ohne die Versuche, die Grenzen abzuriegeln, hinfällig wäre. 


Vielleicht werden wir nie wirklich erfahren, was sich in diesem Sommer in Ceuta abgespielt hat. Doch Aliouas These, wonach Migrationsversuche mit einem Protest gegen ein auf kolonialen Kontinuitäten aufgebautes Migrationsregime einhergingen, eröffnet Perspektiven und weist eine Richtung.


Das europäische Grenzregime muss infrage gestellt werden. Bewegungsfreiheit muss eingefordert werden. Die politisch Verantwortlichen müssen endlich die Realität migrationsgesellschaftlicher Dynamiken anerkennen und aufhören, sie mit Gewalt unterdrücken zu wollen.